Mit ungefähr siebzehn saß ich einmal mit meiner Mama zusammen und sagte zu ihr einen Satz, an den ich mich viele Jahre später noch sehr oft erinnern sollte.
„Ich würde niemals wegen der Kinder bei einem Mann bleiben.“
Mit siebzehn hatte ich eine ziemlich große Klappe. Vor allem hatte ich zu vielen Dingen im Leben eine erstaunlich klare Meinung. Ich wusste ziemlich genau, was ich später einmal machen würde und was auf gar keinen Fall. Manche Entscheidungen erschienen mir damals so einfach, dass ich überhaupt nicht verstehen konnte, warum andere Menschen sie nicht einfach trafen.
Viele Jahre später hatte ich selbst eine Familie und musste feststellen, dass manche Entscheidungen aus der Ferne tatsächlich erstaunlich einfach aussehen. Wenn man mitten in seinem eigenen Leben steht, mit Kindern, Verantwortung, Ängsten und der Frage, wie es finanziell überhaupt weitergehen soll, sieht die Sache plötzlich ganz anders aus.
Ich erinnerte mich damals oft an meine Mama und an diesen Satz, den ich ihr mit siebzehn so überzeugt gesagt hatte. Und ich verstand zum ersten Mal, dass zwischen „Ich würde niemals“ und dem wirklichen Leben manchmal eine ziemlich große Strecke liegt. Damals dachte ich, Freiheit sei einfach eine Entscheidung. Heute weiß ich, dass man sich manchmal erst wieder vorstellen können muss, überhaupt eine Wahl zu haben.
Irgendwann fragte ich mich nicht mehr nur, warum ich bleibe
Jahrelang hatte ich für vieles Erklärungen. Die Kinder, die Umstände, der falsche Zeitpunkt, oder die Hoffnung, dass sich etwas verändert. Und natürlich waren diese Dinge real. Trotzdem begann ich irgendwann, genauer hinzusehen. Was war es eigentlich, das mich zurückhielt? Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass unter all den vernünftigen Erklärungen noch etwas anderes lag.
Angst.
Vor allem die Angst, es alleine nicht zu schaffen. Und wenn ich ganz genau hinsah, war ein großer Teil davon finanzielle Angst. Wie sollte ich alleine zurechtkommen? Wie sollte ich alles bezahlen? Was, wenn mein Geld nicht reicht? Was, wenn ich eine Entscheidung treffe und irgendwann feststellen muss, dass ich es eben doch nicht kann? Diese Gedanken fühlten sich für mich damals nicht wie Gedanken an. Sie fühlten sich wie Tatsachen an.
Ich schaffe das alleine nicht. Punkt.
Heute finde ich genau das so interessant. Denn manche Überzeugungen sitzen so lange in uns, dass wir irgendwann gar nicht mehr merken, dass es Überzeugungen sind. Wir halten sie für eine Beschreibung der Wirklichkeit.
Manche Gedanken hatte ich so oft gedacht, dass ich sie für die Wahrheit hielt
Als ich anfing, mich intensiver mit mir selbst zu beschäftigen, entdeckte ich nach und nach noch ganz andere Sätze. Dass vielleicht alles an mir lag, dass ich mich mehr anstrengen musste, dass ich besser werden musste. Verständnisvoller. Geduldiger. Anders halt.. Und wenn ich nur endlich alles richtig machte, würde irgendwann auch alles gut werden. Dazu kam dieses Gefühl, dass mein Leben vielleicht einfach so vorgesehen war. Andere Frauen waren selbstständig, mutig, finanziell unabhängig und trafen große Entscheidungen. Ich war eben nicht so. Zumindest glaubte ich das..
Das Verrückte daran war, dass ich viele dieser Überzeugungen nie bewusst beschlossen hatte. Ich hatte mich ja nicht eines Morgens hingesetzt und gesagt:
„So, ab heute glaube ich, dass ich hilflos bin.“ Sie waren einfach da. Manche kamen vielleicht aus meiner Kindheit. Manche aus dem, was ich bei anderen Frauen gesehen hatte. Manche aus Erfahrungen, die ich gemacht hatte. Und manche hatte ich wahrscheinlich so oft wiederholt, dass ich irgendwann vergessen hatte, sie überhaupt noch zu hinterfragen.
Erst als ich anfing, meine Glaubenssätze zu erkennen und mich zu fragen, woher sie eigentlich kamen, konnte ich beginnen, diese Glaubenssätze zu ändern. Und da wurde es spannend.
Auch über Geld hatte ich mir meine ganz eigene Geschichte erzählt
Mit der Zeit merkte ich, dass meine Glaubenssätze nicht nur meine Beziehungen betrafen. Auch meine Geld-Glaubenssätze, oder das, was heute oft als Money Mindset bezeichnet wird, hatten sich über Jahre ziemlich festgesetzt. Ich war die Kreative. Geld war nicht mein Ding. Das erzählte ich sogar gerne mit einem gewissen Stolz und meistens mit Humor. Ich konnte gerade eben noch in mein Online-Banking geschaut haben und fünf Minuten später hätte mich jemand fragen können, wie viel Geld eigentlich auf meinem Konto liegt. Ich hatte keine Ahnung..
Ich fand das auch irgendwie lustig- „Ich und Geld – das wird in diesem Leben nichts mehr.“ So ungefähr.
Ich war überzeugt davon, dass ich nichts von Finanzen verstand. Andere Menschen mussten dafür irgendein besonderes Gen besitzen, das bei mir offenbar bei der Verteilung vergessen worden war. Geld kam, Geld ging, und ich hatte manchmal das Gefühl, dass es grundsätzlich lieber an mir vorbeilief. Und irgendwo darunter lag noch ein viel größerer Satz:
Ich werde wahrscheinlich nie wirklich Geld haben.
Heute sehe ich diesen Gedanken anders. Nicht, weil ich inzwischen zur Finanzexpertin geworden bin. Sondern weil ich irgendwann verstanden habe, dass zwischen „Ich kann das nicht“ und „Ich habe es bisher nicht gelernt“ ein ziemlich großer Unterschied liegt. Und plötzlich begriff ich auch, wie eng meine Gedanken über Geld mit meiner eigenen Freiheit verbunden waren. Solange ich überzeugt davon war, dass Geld eben „nicht mein Ding“ ist, überließ ich einen ziemlich wichtigen Teil meiner eigenen Freiheit praktisch sich selbst – oder eben den anderen.
Meine Angst, alleine nicht zurechtzukommen, hatte natürlich mit meiner tatsächlichen finanziellen Situation zu tun. Aber sie wurde noch größer durch meine Überzeugung, dass ich diese Situation sowieso nicht verändern konnte. Wenn ich nichts von Geld verstand, wenn ich ohnehin nie genug verdienen würde und finanzielle Themen einfach nicht zu mir gehörten – wo sollte dann plötzlich eine andere Zukunft herkommen?
Je tiefer ich grub, desto mehr kam zum Vorschein
Das ging nicht von heute auf morgen. Manchmal entdeckte ich einen Glaubenssatz und dachte: Aha. Da haben wir ihn also. Dann beschäftigte ich mich damit, verstand Zusammenhänge, veränderte etwas – und darunter kam die nächste Schicht zum Vorschein. Schicht für Schicht habe ich diese großen Platten abgetragen.
Und unter manchen Platten lagen Dinge, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie überhaupt in mir steckten. Das war für mich wahrscheinlich eine der wichtigsten Erkenntnisse: Wie sehr etwas, das irgendwo tief in mir verborgen ist, trotzdem meine Entscheidungen beeinflussen kann. Denn wenn ich tief in mir überzeugt bin, dass ich alleine sowieso nicht zurechtkomme, werde ich ganz andere Entscheidungen treffen als eine Frau, die denkt:
Ich weiß noch nicht genau, wie ich das schaffen soll. Aber ich kann es herausfinden. Äußerlich ist vielleicht noch gar nichts anders. Aber innerlich öffnet sich plötzlich eine Tür. Und vielleicht beginnt genau dort überhaupt erst die Möglichkeit, eine Wahl zu haben.
Ich begann zu lesen – oder besser gesagt: zuzuhören
In dieser Zeit fing ich an, mich immer intensiver mit Glaubenssätzen, Gedanken und persönlicher Entwicklung zu beschäftigen. Zum Lesen hatte ich im Alltag oft nicht genug Zeit. Also hörte ich Bücher. Beim Aufräumen. Zwischendurch, wann immer es irgendwie passte. Einige davon habe ich wieder vergessen. Andere haben etwas in mir angestoßen, das geblieben ist. Manchmal war es nur ein einziger Gedanke, bei dem ich plötzlich innehielt und dachte: Moment mal..
Zwei Bücher, die bei mir besonders hängen geblieben sind, waren „Bewusstheit“ von Christian Bischoff und „Ich kann das“ von Bodo Schäfer. Beide habe ich als Hörbuch gehört – meistens beim Autofahren oder nebenbei im Alltag. Nicht jeder Gedanke darin war für mich vollkommen neu. Aber manche Sätze kamen offenbar genau im richtigen Moment und brachten mich dazu, meine eigenen Überzeugungen noch einmal anders anzuschauen.
Was, wenn das, was ich mein ganzes Leben über mich geglaubt habe, gar nicht die einzige Wahrheit ist? Mit der Zeit kamen verschiedene Übungen dazu. Manche ganz praktisch, mit Papier und Stift. Andere etwas kreativer. Einige mache ich heute noch. Sie helfen mir dabei, genauer hinzusehen: Was denke ich gerade eigentlich? Warum denke ich das? Ist das wirklich meine Überzeugung? Woher könnte sie kommen? Und vor allem: Muss ich sie behalten?
Ich möchte solche kleinen Übungen nach und nach hier in der FrauenFreiraum-Bibliothek sammeln. Nicht als Ersatz für professionelle Hilfe. Es gibt Situationen, in denen ein Buch, ein Blatt Papier oder eine Selbstreflexionsübung selbstverständlich nicht ausreicht.
Aber für mich waren und sind solche Übungen kleine Werkzeuge, mit denen ich mich selbst besser verstehen kann. Und manchmal ist es erstaunlich, was man findet, wenn man sich einmal die Zeit nimmt, wirklich hinzuschauen.
Ich glaube heute anders über Gedanken als früher
Heute glaube ich sogar, dass unsere Gedanken viel mehr verändern können, als wir oft annehmen.
Ich glaube daran, dass wir lernen können, unsere Aufmerksamkeit bewusst auszurichten und dadurch unser Leben Schritt für Schritt zu verändern. Leider hat uns das kaum jemand beigebracht. Viele von uns haben eher gelernt, warum etwas nicht funktioniert, als sich vorzustellen, was alles möglich sein könnte.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir diese Fähigkeit erst wieder neu entdecken und trainieren dürfen. Für mich bedeutet das nicht, mir morgens zehnmal zu sagen, dass ich Millionärin bin, und anschließend darauf zu warten, dass jemand mit einem Geldkoffer klingelt. Es bedeutet für mich, darauf zu achten, welche Geschichte ich mir selbst jeden Tag erzähle.
Wenn ich mir hundertmal sage: „Das kann ich sowieso nicht“, brauche ich mich irgendwann nicht mehr zu wundern, wenn ich gar nicht mehr nach Möglichkeiten suche.
Wenn ich stattdessen anfange zu denken: „Ich weiß noch nicht, wie es geht“, ist das nur ein kleines Wort mehr.
Aber für mich liegt zwischen diesen beiden Sätzen inzwischen eine ganze Welt.
Mein Leben war nicht plötzlich ein anderes
Das finde ich wichtig zu sagen.
Ich habe nicht angefangen, meine negativen Glaubenssätze zu erkennen und zu verändern, und drei Wochen später war alles wunderbar. Auch heute bin ich noch nicht an dem Punkt, an den ich möchte. Es gibt noch immer Situationen, in denen alte Gedanken schneller da sind als neue. Es gibt Ängste. Zweifel. Und wahrscheinlich liegen irgendwo noch ein paar Platten herum, die ich bisher nicht einmal entdeckt habe.
Aber wenn ich heute zurückblicke auf die Frau, die einmal überzeugt davon war, hilflos zu sein, die dachte, sie müsse sich nur noch ein bisschen mehr anstrengen und ein bisschen besser werden, damit endlich alles gut wird, dann sehe ich, wie weit ich inzwischen gegangen bin. Ich habe angefangen, meine Finanzen selbst anzuschauen. Ich habe ausgerechnet, wie viel Geld ich tatsächlich brauche.
Ich habe mein eigenes Einkommen erhöht. Ich beschäftige mich mit Geld, obwohl ich jahrzehntelang überzeugt davon war, dass Geld „nicht mein Ding“ ist. Und ich suche nach neuen Möglichkeiten, statt automatisch davon auszugehen, dass es keine gibt.
Das alles begann nicht damit, dass sich meine äußeren Umstände plötzlich verändert hatten. Es begann damit, dass ich irgendwann nicht mehr jeden Gedanken in meinem Kopf automatisch für die Wahrheit hielt.
Vielleicht war das mein eigentlicher Anfang
Finanzielle Freiheit klingt zunächst nach Geld. Nach Einkommen, Rücklagen, Sparen, Investieren und Zahlen auf einem Konto.
Und natürlich gehört all das dazu. Bei mir begann sie aber noch an einer anderen Stelle. Mit der Frage, warum ich eigentlich so sicher war, dass ich bestimmte Dinge nicht schaffen konnte.
Eine Zahl hat mir später geholfen zu verstehen, wie viel Geld ich brauche. Mein eigenes Einkommen gibt mir Sicherheit. Aber bevor ich überhaupt anfangen konnte, nach Lösungen zu suchen, musste ich mir erst erlauben, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass es Lösungen für mich geben könnte. Vielleicht ist das für mich heute die wichtigste Bedeutung von Mindset verändern.
Es macht nicht aus jedem Problem plötzlich eine Chance. Es nimmt mir nicht jede Angst. Und es bezahlt auch keine Rechnung. Aber es verändert die Art, wie ich auf mein Leben schaue. Und wenn ich anders auf mein Leben schaue, sehe ich manchmal Möglichkeiten, an denen ich früher einfach vorbeigegangen wäre. Genau das wünsche ich mir auch für FrauenFreiraum.
Ich möchte keiner Frau sagen, welche Entscheidung sie für ihr Leben treffen soll. Ich möchte, dass jede Frau überhaupt daran glauben darf, dass sie eine Wahl haben kann. Für mich bedeutet Freiheit heute nicht, gehen zu müssen.
Freiheit bedeutet, bleiben oder gehen zu können – und zu wissen, dass beides meine eigene Entscheidung ist.
Ich bin noch nicht am Ziel. Aber ich bin sehr weit entfernt von dem Punkt, an dem ich einmal dachte, ich hätte gar keine Wahl. Und allein das fühlt sich für mich schon ziemlich nach Freiheit an.

